Reflexion’ spielt als Anforderung und Praktik in Schule und Unterricht sowie in der Lehrer*innenbildung in verschiedener Weise und mit unterschiedlichen Erwartungen verknüpft spätestens mit der Etablierung der modernen Schule in den letzten 200 Jahren eine (zentrale) Rolle.

Gegenwärtig wird der Ruf nach einer Steigerung von Reflexionsanlässen und ‚Reflexionsfähigkeit’ von Lehrkräften im Zuge von Schul- und Unterrichtsentwicklung, von Schüler*innen im Zuge der Erwartung der Steuerung und Gestaltung des eigenen Lern- und Bildungsweges und von Lehramtsstudierenden und Referendar*innen im Zuge ihrer Professionalisierung allerdings lauter.

 

Dahinter scheint sich die Grundannahme zu verbergen, dass ‚Reflexion’ in Unterricht, Schule und Lehrer*innenbildung gute Dienste leistet. Dieser Eindruck entsteht durch eine Vielzahl von Methoden und Artefakten, die vom Kindergarten bis zur Lehrer*innenfortbildung vielgestaltig, aber doch einig in der Richtung darauf abzielen, durch „Reflexion“ – je nach Kontext – Lernen, Bildung oder Professionalisierung zu unterstützen, zu fördern oder gar konstitutiv für diese Prozesse zu sein.

Was unter Reflexion programmatisch zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kontexten sowie im Rahmen unterschiedlicher theoretischer (schulpädagogischer) Ansätze verstanden wird, ist dabei bislang ebenso wenig breit thematisiert wie die Frage nach den Vollzugswirklichkeiten von Reflexion in unterschiedlichen Feldern als ein besonderes Nachdenken über eine Frage in Relation zu bestimmten Erwartungen und dem eigenen Vermögen. Noch unzureichend geklärt ist auch die Frage, welche Wirkungen welche Reflexion für wen nach sich zieht und wie ‘Reflexionsfähigkeit‘ erfasst werden kann.

Unter den Vorzeichen verschiedener Reformanstrengungen im Bildungssystem, wie z.B. der inklusiven Unterrichtsentwicklung oder zur Verbesserung der Lehrer*innenbildung (u.a. in den gegenwärtig in Überarbeitung befindlichen KMK Standards für die Lehrer*innenbildung sowie der Qualitätsoffensive Lehrerbildung), sowie geschlechter- und milieusensibler rassismuskritischer, (dis-)ableistischer und inklusiver Sichtweisen auf Schule und Lehrerinnenbildung werden Reflexion und Reflexivität verstärkt thematisiert und erforscht, wovon eine Reihe aktueller Publikationen aus der Schulpädagogik und aus anderen Teildisziplinen der Erziehungswissenschaft zeugen.

Für eine Sektionstagung eröffnet sich vor diesem Hintergrund ein breites Spektrum an Fragestellungen, darunter die folgenden:

  • historisch:
    • Wie werden zu welchen Zeiten in welchen Kontexten welche Erwartungen mit Reflexion von (werdenden) Lehrkräften und Schüler*innen verknüpft und welche Reflexionsformate finden sich?
    • Welche Funktion haben der Reflexionsbegriff und der damit zumeist individualisierte Anspruch von Reflexivität „von der Wiege bis zur Bahre“ gegenwärtig in den Bildungsinstitutionen und welche historischen Bezüge werden hierzu hergestellt?
  • theoretisch:
    • Wie wird Reflexion in welchen theoretischen Paradigmen und praktischprogrammatischen Reformdiskursen konzeptionalisiert, welche Erwartungen an Professionalisierung bzw. Lernen und Bildung werden dabei wie mit Reflexion verbunden und welche Wirkungen werden wie erwartet?
    • Welche Vorstellungen von Lehrer*innenbildung, Schule und Unterricht hängen dabei wie zusammen mit welchen Vorstellungen über die Bedeutung von Reflexion bzw. die Bedeutungszuschreibung von Reflexivität?
    • Welche differenzierenden Konzepte helfen, die pauschale Programmatik zur „Reflexion“ zu systematisieren und Bedingungen und Grenzen eines solchen Programms zu bestimmen?
    • Welche Funktionen erfüllt der Reflexionsbegriff in den Diskursen zur
      Lehrer*innenbildung sowie zu Schul- und Unterrichtsqualität?
  • empirisch:
    • Welche Artefakte kommen zum Einsatz und welche Vollzugswirklichkeiten etablieren diese?
    • Welche Praktiken der Reflexion lassen sich an den unterschiedlichen Orten empirisch beobachten und beschreiben?
    • Welche Möglichkeiten gibt es inzwischen, die intentionalen und transintentionalen Wirkungen empirisch zu erfassen?
    • Welchen systematischen Limitationen sehen sich diese Verfahren gegenüber?

Die Sektionstagung bietet Raum und Zeit, das Reflexionsparadigma institutionen- und adressatenübergreifend zu diskutieren und kritisch zu befragen. Ziel der Tagung ist es, verschiedene theoretische, empirische sowie methodische Zugänge und Perspektiven auf das Reflexionsparadigma nachzuzeichnen sowie Vollzugswirklichkeiten zu vergegenwärtigen. Derartige Befunde gilt es dann auf seine pragmatischen und politischen Konsequenzen für Schule, Unterricht und Lehrer*innenbildung zu durchdenken. Damit wird der Stand der Diskussion in seiner Vielschichtigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven bilanziert sowie Kontroversen und (nach wie vor) offene Fragen sichtbar gemacht.

Vorbereitungsgruppe:

  • Prof. Dr. Gabriele Bellenberg (Bochum)
  • Prof. Dr. Eva Gläser (Osnabrück)
  • Prof. Dr. Merle Hummrich (Frankfurt)
  • Prof. Dr. Manuela Keller-Schneider (Zürich)
  • Prof. Dr. Ingrid Kunze (Osnabrück)
  • Prof. Dr. Tobias Leonhard (Solothurn)
  • Prof. Dr. Susanne Miller (Bielefeld)
  • Prof. Dr. Matthias Proske (Köln)
  • Prof. Dr. Christian Reintjes (Osnabrück)
  • Prof. Dr. Tanja Sturm (Münster)
  • Jun.-Prof. Dr. Michaela Vogt (Bielefeld)

Mitglieder des lokalen Organisationsteams

  • Dr. Katja Görich (Osnabrück)
  • Dr. Carolin Kiso (Osnabrück)

Hinweise zur Tagungsadministration

  • Homepage: https://www.dgfe-sektionstagung-schulpaedagogik-2020.de
  • Konferenzverwaltungssystem Conftool: https://www.conftool.pro/dgfe-schulpaedagogik2020/index.php?page=login
  • E-Mail-Adresse: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
  • CfP als PDF zum Download
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